Das neue Sommersemester hatte gerade begonnen, doch zumindest meine Seminare am Donnerstag mussten noch eine Woche auf die erste Sitzung warten. Denn ein lange angekündigter Termin stand an – die Jubiläumsfeier für 80 Jahre Wilton Park, diese sehr besondere britische Institution für globalen Dialog, in deren Advisory Council ich seit mehreren Jahren mitarbeite.

Die Feier fand statt im prächtigen Lancaster House im vornehmen Londoner Stadtteil St. James’s, ein Haus, das Fans der Fernsehserie “The Crown” als Treppenhaus des Buckingham Palace kennen. Deshalb musste ich natürlich ein Foto von mir auf dieser Treppe haben 😉

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Zu dem großen Empfang waren über 100 Personen geladen, die für und mit Wilton Park arbeiten oder das in der Vergangenheit getan hatten. Wilton Park ist heute eine “executive agency” des britischen Außenministeriums und organisiert etwa 80 “global dialogues” pro Jahr zu einer Vielzahl von Themen (von Sicherheit und Verteidigung über Menschenrechte und Konfliktbewältigung bis zu Nachhaltigkeit und globaler Gesundheit). Dazu werden Experten, Politiker und wichtige sonstige Akteure in mehrtägigen Veranstaltungen zusammengebracht. Die Teilnehmer kommen buchstäblich aus der ganzen Welt, und dass Wilton Park abgeschieden im wunderschönen Wiston House in Sussex liegt, trägt zur Intensität der Gespräche bei - wer einmal dort ist, kommt so leicht nicht wieder weg…

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Seinen Ursprung hatte Wilton Park aber zunächst in der Aufgabe, deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs an das Konzept der Demokratie heranzuführen. Dafür wurden in Kooperation mit führenden Universitäten Lehrveranstaltungen und Vorträge für sie organisiert, vor allem aber zahlreiche kontroverse Diskussionen zu verschiedensten Themen auf den Lehrplan der mehrwöchigen Veranstaltungen gesetzt. Nach dem Ende des Krieges wurde die Teilnahme an diesen Seminaren auf politisch aktive, interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der britischen und später auch der amerikanischen Besatzungszone ausgedehnt.

Im Frühjahr 2025, vor meinem Sabbatical in Oxford, hatte ich das Vergnügen, ein paar Tage im Archiv von Wilton Park zu verbringen und mir dort die sogenannten Golden Books der damaligen Veranstaltungen anzuschauen. Von jedem Seminar gab es ein Gruppenfoto und Unterschriften der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Viele der Männer und Frauen, die in der Frühzeit der Bundesrepublik am öffentlichen Leben teilgenommen haben und wichtige Beiträge zum Aufbau der neuen Demokratie geleistet haben, sind durch diese Lehrgänge gegangen. Dass ich bei meiner Recherche die Namen mehrerer später einflussreicher Politikerinnen entdeckt habe, war eine besondere Freude. Meine Informationen kamen gerade noch rechtzeitig, um diese Namen und die Anekdote über die CDU-Politikerin Aenne Brauksiepe in die Broschüre über die Rolle von Frauen in Wilton Park einfließen zu lassen!

Seitdem besteht auch ein besonderes Band zwischen Wilton Park und der Bundesrepublik: über viele Jahre durch das British German Forum in Wilton Park, und durch Wilton Park Clubs in der Bundesrepublik. Ich freue mich, diese Verbindung jetzt und in Zukunft stärken zu können!

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Die Feier war aber vor allem ein Blick in die Gegenwart und Zukunft. Der CEO von Wilton Park, Tom Cargill, beschrieb die gegenwärtige Tätigkeit der Organisation, und der Staatsminister für Europa, Nordamerika und Überseegebiete, Stephen Doughty, war voll des Lobes und kündigt der anhaltende Unterstützung der Labour-Regierung für Wilton Park an.

Also: viele gute Gespräche, viele neue Kontakte, viele neue Ideen! Im August werde ich mein Lieblingsthema, die Ursprungszeit von Wilton Park, beim Wilton Park History Day weiter verfolgen können. Ich freue mich schon!

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