Die aktuellen Diskussionen um eine koalitionspolitische „Brandmauer“ zur AfD und die Frage nach der Zukunft von Koalitionen im deutschen Regierungssystem angesichts zunehmender Fragmentierung im Parteiensystem waren Anlass für mich, Prof. Christian Stecker (TU Darmstadt) zu einem Gastvortrag ans Institut für Politikwissenschaft in Göttingen einzuladen. Ich freute mich sehr, als er umgehend zusagte.

Nach Stärkung bei Pizza im Kollegenkreis ging es in den gut gefüllten Veranstaltungsraum zu einer sehr interessanten Präsentation mit dem Thema „Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern. Perspektiven flexibler Mehrheiten in der Bundesrepublik“.

Pizza im Kollegenkreis Christian Stecker beim Vortrag

Christian Steckers Grundargument war, dass zunehmende gesellschaftliche Fragmentierung in der Bundesrepublik und daraus folgende Veränderungen im Parteiensystem die Gelingensbedingungen des seit 65 Jahren etablierten Modells starrer Koalitionen untergraben. Das bringt erhebliche Probleme für die Parteien und das Regieren mit sich, die ein Überdenken des Modells und eine Bewegung in Richtung Flexibilisierung nahelegen. Sein Nachdenken und sein Argument, so machte Stecker (u.a. mit dem screenshot eines Posts aus dem Jahr 2013) klar, haben nichts mit der aktuellen Stärke der AfD zu tun, sondern sind in allgemeinen Überlegungen zur Fragmentierung des Parteiensystems und der Suche nach Möglichkeiten von möglichst gleicher Repräsentation unterschiedlicher Einstellungen begründet. Das seit gut 60 Jahren in der bundesrepublikanischen Politik etablierte Modell des „Koalitionskorsetts“ kann dies gegenwärtig nicht mehr sicherstellen.

Fragmentierung des Parteiensystems über die Zeit Der Anteil komplexer Koalitionen

An den Vortrag schloss sich fast eine Stunde lebhafter Diskussion mit vielen interessanten Fragen an (Danke dafür an die zahlreich erschienen Studierenden und Kolleg:innen!). Und auch nach Ende der Veranstaltung setzte sich die Diskussion zwischen einigen Studierenden und dem Referenten fort, der unermüdlich Fragen beantwortete.

Wie viele andere verließ ich die Veranstaltung beschwingt wegen der intellektuellen Anregung, der luziden Analyse und der vielen verbleibenden Fragen, die Stoff zum Weiterdenken bieten!

Christian Stecker hat seine Überlegungen übrigens in einem Ende Februar 2026 im Campus-Verlag erscheinenden Buch detailliert ausgeführt.

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